3D-Geoinformationssystem für den Städtebau
DFG-Projekt
english text
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Aufgabenstellung
- Städtebauliche
Objektklassifizierung
- Detailliertheitsgrad,
Geometriemodelle und Datenstrukturen
- Welche
3D-Aspekte sind für den Stadtplaner von Interesse?
- Modellierung
des Stadtraumes - das Planungstool
- Aktueller
Stand
- Projektbetreuung
Einleitung
Das DFG-Projekt 3D-GIS im Städtebau wird in
Zusammenarbeit mit der Universität Rostock, Institut
für Geodäsie und Geoinformatik bearbeitet. Als Modellbeispiele dienen
Datensätze aus Stuttgart (Projekt Stuttgart 21) und Rostock (Projekt Kröpeliner
Vorstadt). Als Modellierungswerkzeug wird zunächst OPEN-Inventor 2.0 von Silicon
Graphics verwendet.
Aufgabenstellung
Oberstes Ziel eines solchen Werkzeiges muß eine gute Akzeptanz durch einen
breiten Benutzerkreis sein. Alle anderen Aspekte haben sich naturgemäß
unterzuordnen. Als unmittelbare Folgen dieser Prämisse sind folgende
Eigenschaften notwendig:
Die Schwerpunkte dieses Forschungsprojektes liegen in folgenden
Einzelaspekten:
Untersuchungen zur Datenintegration und -fusion existierender oder im Aufbau
befindlicher heterogener Datenbestände von der Datenerfassung bis hin zur
-modellierung.
Aufstellung einer spezifischen Objektklassenhierarchie.
Untersuchung welche 3D-Daten für die städtebauliche Planung in welcher
Abstraktionsebene von Interesse sind.
Modellierung des Stadtraumes mit 3D-Daten; prototypenhafte Entwicklung eines
Planungstools. Schnelle Analysemöglichkeiten des Planungstools.
Benutzerfreundlichkeit, im Sinne einer möglichst intuitiven Benutzerführung
Untersuchungen zur Akzeptanz computerunterstützten Planens; Einfluss eines
3D-GIS auf zukünftige Planungs- und Entwurfsmethoden.
Die am Markt befindlichen Geoinformationssysteme arbeiten überwiegend auf
2/2.5 D Basis. Dabei wird die dritte Diemsion z bestenfalls als Attribut
betrachtet (z=f(x,y)). Da das GIS überwiegend noch als Darstellungsmedium
verschiedener Kartenunterlagen betrachtet wird, reicht dies für viele
Anwendungen zunächst aus. Für den Stadtplaner ergibt sich aufgrund seiner
Aufgabenstellung jedoch eine ganz andere Situation. Ausgehend von den
unterschiedlichen Maßstabsskalen der städtebaulichen Praxis, wird deutlich, daß
viele dieser Planungsdaten den 3D-Bezug benötigen - es werden Holz- oder
Pappmodelle gefertigt um sich einen besseren Eindruck seines Ergebnisses zu
verschaffen und die Planungsidee zu verdeutlichen. So werden z.B.
Video-Endoskopaufnahmen des Stadtmodells erstellt, bei denen durch eine, in den
Stadtraum versetzte, bewegliche Kamera ein unmittelbarer räumlicher Eindruck
entsteht. Diese insgesamt sehr aufwendige Methoden stoßen schon bei der Planung
verschiedener Alternativszenarien an ihre Grenzen - Planungsvarianten müssen
manuell in das Holzmodell eingebracht werden.
Neben dieser traditionellen Arbeitsweise existiert schon eine digitale
3D-Praxis, bei der mit CAD-Programmen digitale 3D-Geometrien verarbeitet werden
um Einzelprojekte zu visualisieren. Diese basieren jedoch auf verschiedenen
Detailliertheitsgarden und unterschiedlichen separaten Datenhaltungen. Eine
weiterführender Lösungsansatz ist somit eine konsequente Fortführung des
bisherigen Bestrebens und bietet mit neuen Softwaretools die Möglichkeit die
genannten Schwachpunkte der bisherigen Vorgehensweise aufzulösen.
Zusätzlichen Bedarf an ein 3D-Planungsinstrument entsteht durch die neuen
Fragestellungen in Bezug auf Umweltrisiken wie Schadstoffausbreitung,
-erzeugung, Lärmbeslastung, Windverhältnisse, Energieemissionen, ... usw. Diese
Problemkreise betreffenden Simulationsrechnungen sind in Stadtlandschaften ohne
eine entsprechende 3D Datenbasis des Stadtraumes nicht durchführbar.
Städtebauliche Objektklassenhierarchie
Diese
3D-Datenbasis muß sich aus den Objekten des Stadtraumes, ihrer geometrischen
Beschreibung und mit den Objekten verknüpften Sachinformationen zusammensetzen.
Als Objekte sind hier nicht nur Gebäude und Straßen zu verstehen, sondern
beispielsweise auch Grünflächen, Bäume, Gehwege, Fassaden, Dachformen, Treppen,
... usw. Die erste Teilaufgabe besteht also darin eine spezifische,
wohlstrukturierte Objektklassenhierarchie zu erstellen, die eine Abbildung des
Problems in eine Datenbank und die eine einfache Behandlung in einer
Benutzeroberfläche erlaubt; sie ist derzeit in Arbeit.
Dabei kann nicht davon ausgegangen werden, daß schon bestehende
Objektartenkataloge für die vorliegende Problemstellung geeignet sind (vgl.
MOLENAAR, GIS 4/1993,p.22-28). Die in anderen Systemen schon vorhandenen
Objektartenkataloge sollen zu einem späteren Zeitpunkt mit genutzt werden
können. Sachinformationen stellen in diesem Zusammenhang z.B. Nutzung, Baualter
und -zustand, Geschoßzahl, Baumassenzahl, Geschoßflächenzahl dar, also u.a.
Volumengrößen, die in den bisherigen GIS nicht in Bezug auf die Geometrie
berücksichtigt wurden. Interessant werden Überlegungen zu einer Klassifizierung
nicht unmittelbar faßbarer Begriffe, wie z.B. Lebensqualität, Gestaltqualität.
Detailliertheitsgrad, Geometriemodelle und
Datenbankaspekte
Der Stadtplaner arbeitet sowohl an einzelnen
Gebäudeobjekten, als auch an ganzen Stadtteilen bzw. Quartieren - je nach
Aufgabenstellung und Abstraktionsstufe kann sein Arbeitsmaßstab zwischen lokalem
oder strukturellem Bereich, also zwischen 1:50 bis 1:10000 variieren. Daraus
ergibt sich die Notwendigkeit einer Abstufung des Detailliertheitsgrades (engl.
Level-of-detail = LOD). Sie reicht von der skizzenhaften Darstellung einzelner
Gebäude, bei denen die dritte Dimension durchaus nur als Attribut betrachtet
werden kann, bis hin zu hochgenauen Fassadenabbildungen mit Fenstern, Simsen,
Dachrinnen, ... usw. Solche Feinheiten sind dann als Objekte und Subobjekte mit
eigener Geometrie zu betrachten. Es ist geplant diese Anforderung durch eine
zumindest dreistufigen LOD abzubilden. Bei Bedarf kann diese Einordnung weiter
verfeinert werden:
LOD 1: Einfacher Grundriß des Objektes mit Höhe; im einfachsten Fall ein
Hüll- quader
LOD 2: Objekt mit realem Grundriß und einer vereinfachten Dachform;
eventuell sind Fassadendetails durch zusätzliche Texturen, Photos bzw. deren
Abbildung auf der Fassade abbildbar.
LOD 3: Detaillierte geometrische Struktur des Objektes. Objektdetails sind
als geometrische Informationen vorhanden, die eventuell durch photorealistische
Montagen unterstützt werden.
In den Abb. 1 sind die drei Abstufungen schematisch dargestellt. Aufgrund der
enormen Datenmengen ist beachsichtigt, die dritte Detailstufe (LOD 3) auf
ausgewählte, einzelne Planungsobjekte zu beschränken.

Abb.1: Schematische Abbildungen zu den drei Level-of-details. (A) LOD 1
- reine Hüllkörper am Beispiel von Stuttgart 21, (B) Lod 2 - Körper mit
Fototextur, (C) Lod 3 - reine Geometriekörper mit Fassaden- und
Dachdetails.
Diese Detaillierheitsgrade wirken sich auch auf die Darstellung des Objektes
in seinem Geometriemodell aus. So müssen für die unterschiedlichen LODs auch
unterschiedliche Datensätze geführt werden, da Detaildaten erst in kleinem
Maßstab sichtbar werden und die geometrische Form eines Objektes bei
differierendem LOD variieren kann. Als Geometriemodelle kommen je nach
Detailliertheitsgrad und Objektart verschiedene Vorstellungen in Frage:

Abb.2: Vereinfachte Darstellung verschiedener Geometriemodelle.
Für die vorliegende Problemstellung am wenigsten geeignet sind Zellenmodelle;
sie werden am besten für Simulationsrechnungen und entsprechende FE/FD-Verfahren
angewendet. Sie sind sehr speicherintensiv und für ein GIS durch die
Diskretisierung zu ungenau. Mit unterschiedlichen Zellengrößen, wie z.B. beim
octree-Verfahren, läßt sich der Speicherbedarf allerdings beträchtlich
reduzieren. Eine Speicherminimierung bei optimaler Objektbeschreibung ist
wahrscheinlich über Hybridmodelle von CSG (primäre Modellrepräsentation) und
BRep (zusätzliche Struktur für ein schnelles Rendering) zu erzielen. Diese beide
Modelle sind nicht beliebig ineinander überführbar. Nur die Konvertierung von
CSG in BRep ist bislang vollständig gelöst. Die auf der Basis der
Geometriemodelle entwickelten Datenstrukturen müssen effizient in Datenbanken
abgebildet werden. Rein objekt-orientierte (OO) Datenbanken sind momentan noch
nicht verfügbar und langsam im Zugriff, sodaß ein relationales Konzept
vorgezogen wird. OO-ähnliches Verhalten kann durch Behelfslösungen erreicht
werden: z.B. durch Trennung von permanenter und temporärer Speicherung oder
durch einen Objekthandler oberhalb der eigentlichen Datenbank, der die
Organisation der steuert. Die Übernahme von Daten in das System muß in einer
bereits aufbereiteten Form, schnell und für den Bediener so einfach wie möglich
erfolgen. Diese Übernahme soll weitgehend automatisch ablaufen, wobei dem
Benutzer eine Einordnungsvorschlag unterbreitet wird, z.B. Haus Typ C. Ist eine
automatische Zuordnung nicht möglich, so wird dies angezeigt und eine Zuordnung
vom Nutzer selbst vorgenommen. Dieses Teilgebiet eignet sich beispielsweise als
Thema für eine Vertiefungs-/Semester-/Diplomarbeit.
Welche 3D-Aspekte sind für den Stadtplaner von
Interesse?
Der unmittelbare Vorteil für den Stadtplaner ist die
Animation und Visualisierung der geplanten Stadtlandschaft. Der Planungsvorgang
ist seitens des Planers eher intuitiv als formal beschreibbar; durch die
Begehbarkeit des geplanten Objektbereichs kann in fortgeschrittenem Maße ein
Erleben des Planungsergebnisses und damit ein unmittelbares Feedbakc
stattfinden. Verschiedene schon vorgeplante Varianten können eingebracht,
Material- und Flächenbedarf sowie Kosten optimiert, Simulationen zu
umweltrelevanten Aspekten (siehe. Projekt WUMS) und Massenermittlungen können
durchgeführt werden. Neben diesen klaren Vorteilen sind weitergehende
statistische Analysemöglichkeiten auf der Basis eines städtebaulichen
Sachdatenbestandes notwendig. Als Sachdaten spielen insbesondere die schon oben
erwähnten Volumengrößen, wei die Baumassenzahl (BMZ), Geschoßflächenzahl (GFZ),
die Grundflächenzahl (GRZ), First-, Traufhöhe, überbaubare Grundstücksfläche
usw. und ihr neuer Bezug zur Geometrie eine besondere Rolle. Ebenso sind
Abschätzungen zur Energiebilanz und zum Wärmehaushalt von Quartieren oder sogar
Einzelgebäuden denkbar. Aus diesen Möglichkeiten werden die aktuellen Defizite
in diesem Bereich deutlich - mangelhafte Verfügbarkeit echter 3D-Daten und das
Fehlen geeigneter Konzepte zur Behandlung und Fusion sehr großer, heterogener
Datenmengen, z.B. von Vektor- und Rasterdaten.
Modellierung des Stadtraumes - das Planungstool
In Abb.
3 ist eine schematische Darstellung des aktuellen Lösungsansatzes dargestellt.
Animation und Visualisierung ist mit SiliconGraphics OpenInventor 2.0 in C++
vorgesehen. Die Arbeit konzentriert sich schwerpunktmäßig auf Datenintegration
und -fusion, effektive Datenspeicherung, automatische Datenübernahme, basierend
auf einem städtebaulichen Objektartenkatalog, 3D-LOD-Inventorstruktur von
Geometrie- und thematischen Daten, bedienerfreundliches User Interface sowie
Analysemöglichkeiten.

Abb.3: Struktogramm des aktuellen Lösungsansatzes.
Als Interface zum Benutzer stellt die Funktionalität der Planungsoberfläche
sicher das wichtigste Akzeptanzkriterium dar. Dazu zählen neben einer schnellen
Verarbeitung auch funktionale Analysemöglichkeiten, die sowohl Einzelobjekte als
auch ganze Bereiche bearbeiten. Auch hier sind noch konzeptionelle Überlegungen
für ein anwenderfreundliches Tool notwendig, insbesondere im Hinblick auf die
Benutzergruppe des Planungstools (vgl. Abb. 4).

Abb.4: Planungstool im Benutzerumfeld.
Aktueller Stand
Einen aktuellen Stand des Forschungsprojektes erhät man unter dem Stichwort
Cebit-CD, auch in englisch.
Neuere Fallstudien aus Stuttgart:
Aus Daten die uns freundlicherweise
vom Stadtmessungsamt der Stadt Stuttgart zur Verfügung gestellt wurden, lassen
sich 3D-Stadtlandschaften erstellen (VRML). Gebäude und Dächer sind im
Originalmodell als Einzelobjekte identifizier- und aktivierbar. Dargestellt sind
wiefolgt: Gebäude=gelbbraun, Dächer=rot, Bepflanzung=grün, Grundstücke ohne
Daten = grün liniert, Strassenbegrenzungen = braun liniert. Aus den Daten
konnten ebenfalls einfache Dachgeometrien konstruiert werden: Flach-, Sattel,
Walm- und Mansarddächer. Die Darstellung erfolgt zur Zeit noch ohne Topographie,
d.h. auf einer ebenen Fläche.
A. Bereich Hauptstädter Strasse
- Beispiel
1 Übersichtsbild des Gesamtbereichs. Blick vom Ausgang des Schwabtunnels
in Richtung Österreichischer Platz. Im Vordergrund der Marienplatz mit
Gebäuden der Zahnradbahn (links). Das Gebäude mit rotem wire-frame am rechten
Bildrand ist gepickt.
- Beispiel
2 Detailansicht mit verschiedenen Dachformen.
- Beispiel
3 Blick aus dem Strassenraum der Hautstädter Strasse in Richtung
Marienplatz.
- Beispiel
4 Blick Richtung Süden. Im Vordergund die Furtbach-, Tübinger- und
Hauptstädterstrasse. Im Hintergrund sieht man einen Teil des
Fangelsbachfriedhofs, sowie in der rechten oberen Bildecke die Einfahrt in den
Schwabtunnel.
- VRML-Modell
B. Bereich Stuttgart-Berg
- Beispiel
5 Übersichtsbild des Bereichs ohne Topographie und
Strasseninformationen.
- Beispiel
6 Übersichtsbild des Bereichs ohne Topographie und
Strasseninformationen.
- VRML-Modell
Projektbetreuung
Dr.rer.nat. Alexander Köninger
Rechenzentrum der Universität
Stuttgart (RUS)
Allmandring 30
Tel.: +49-(0)711-685-5934
Fax.:
+49-(0)711-678-7626
aktualisiert am: 14.07.1997
e-mail: koeninger@rus.uni-stuttgart.de